Mein erster Einsatz

 

Am 24.12. letzten Jahres riss mich die Alarmapp aus meinen weihnachtsgestressten Gedanken.

Ich schaute auf mein Handy, sah, dass es sich um einen Einsatz ganz in meiner Nähe handelte, klickte auf „Annehmen“ und schaute ins Forum.

Bei diesem Einsatz war nicht klar, wann er sein würde, da das Baby (noch im Bauch) noch lebte. Ich nahm Kontakt mit den Eltern auf.

Ich sah, dass sich auch andere Fotografen gemeldet hatten, und schrieb Katharina an, ob wir diesen Einsatz evtl. auch zu zweit machen könnten, da es mein erster sein sollte, und ich etwas unsicher war. Katta war sehr lieb, und sicherte mir zu, mich zu unterstützen.

In den folgenden Wochen hatte ich sehr viel Kontakt mit der Mama der kleinen Klara. Sie schrieb mir, um welche Krankheit es sich handelte, was sie für Auswirkungen hatte, und wie sie sich auf die kommenden Wochen und die Geburt vorbereiteten. Auch ich erzählte ihr von unserem Lukas, der vor ziemlich genau 19 Jahren nur 9 Std. nach seiner Geburt verstarb. Durch unsere vielen „Gespräche“ waren wir uns irgendwie vertraut, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten.

In der letzten Woche musste ich viel an die Familie denken. Ich hatte ein paar Tage nichts von ihnen gehört, und irgendwie überkam mich ein komisches Gefühl. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag träumte ich, dass ich mit der Mama im Kreißsaal bin, und Klara auf die Welt kommt. Direkt nach dem Frühstück schrieb ich der Mama und erkundigte mich, wie es ihr und Klara geht. Sofort bekam ich eine Antwort. Sie schrieb, dass sie grade erfahren hätten, dass Klaras Herz aufgehört hätte, zu schlagen, und sie gleich in die Klinik fahren würden.

Ich war so überrumpelt, dass ich erst mal ein paar Tränchen verdrückt habe. Ich wusste, dass es irgendwann soweit sein würde, aber vorbereitet war ich trotzdem nicht. Wir vereinbarten, dass sie mich jederzeit anrufen könne, wenn es soweit ist. Meine Tasche stand gepackt im Flur, so dass ich jederzeit losfahren konnte

In der darauffolgenden Nacht wurde Klara geboren.

Die Mama schrieb mir eine Nachricht, dass Klara da sei, und hat mich darauf vorbereitet, dass Klaras Krankheit wie erwartet sehr offensichtlich und stark ausgeprägt sei. Sie fragte, ob ich trotzdem kommen wolle, aber diese Frage stellte sich für mich gar nicht. Ich hatte mich im Vorfeld über Klaras Krankheit informiert und wusste, was mich erwartete.

Obwohl es mein erster Einsatz war, war ich total ruhig. Ich schrieb Katta an, dass ich es mir zutrauen würde, alleine zu fahren, und auch für sie war es vollkommen ok. Dann machte ich mich auf den Weg.

Als ich im KH auf den Aufzug wartete, fiel mein Blick auf einen Kalender, der neben der Aufzugtür hing. Auf dem Kalender stand folgender Spruch:

„Es ist nicht eine Lippe oder ein Auge, was wir Schönheit nennen, sondern die vereinte Kraft und die Wirkung aller Teile zusammen.“

Dieser Spruch passte so sehr zu Klaras Geschichte, dass ich augenblicklich Gänsehaut bekam.

Als ich das Zimmer der Eltern betrat, erwarteten  mich zwei wahnsinnig liebe Menschen. Klaras Eltern empfingen mich wie eine Freundin, nahmen mich sofort in den Arm und lächelten mich an. Ich habe weinende und verzweifelte Eltern erwartet, denn genauso ging es mir vor 17 Jahren. Aber das Gegenteil war der Fall.

Nachdem wir uns begrüßt hatten, ging ich zu Klaras Körbchen, welches liebevoll hergerichtet war. Ihre Decke umhüllte sie, und ihre Spieluhr und zwei Stoffherzen lagen bei ihr.

Die Mama zog vorsichtig die Decke beiseite und ich konnte Klara sehen. Das komische Gefühl, der Schreck oder wie ich es auch immer nennen soll, den ich eigentlich erwartet hatte, blieb aus. Die kleine Maus war wunderschön. Ja, sie war offensichtlich schwer krank, ihr Gesicht nicht richtig entwickelt, die Haut an mehreren Stellen gerissen, nur 30cm groß und 550g schwer, aber wunderschön.

Ich begann, die ersten Bilder zu machen. Erst im Körbchen, dann, eingewickelt in ein schönes Sternentuch, in den Armen der Eltern.

Die Atmosphäre war einfach nur schön. Wir lachten zusammen, bestaunten die kleinen Füßchen, die kurzen, blonden Haare, und das winzige Ohr. Die Eltern kuschelten mit Klara und lächelten sich so glücklich an, als seien sie frisch verliebt. Dieser Moment hat mich so sehr fasziniert, dass ich fast vergessen hätte, ihn fotografisch festzuhalten. Im Nachhinein ist genau dieses Bild mein Lieblingsbild.

Ich wusste, dass die Eltern vor Klara schon 3 Sternchen gehen lassen mussten, alle im ersten Schwangerschaftsdrittel. Ich habe den beiden für jedes Kind, was sie verloren haben, ein kleines Sternchen aus Glas, und einen großen Stern für sie mitgebracht, die haben wir in ihre Hände gelegt und fotografiert. Klara legten wir auch ein Sternchen in die Hand. Später wurde der große Stern gegen Klara´s getauscht, so dass die Eltern nun 4 kleine Sterne mit nach Hause nehmen konnten. Der große Stern wurde Klara mit in ihren kleinen Sarg gelegt.

Nachdem ich alle Bilder gemacht hatte, wollte ich die drei wieder alleine lassen, da ich merkte, dass die beiden gern noch mit Klara alleine sein möchten. Ich verabschiedete mich von Klara und wurde von den Eltern in den Flur begleitet. Wir umarmten uns noch einmal und vereinbarten, dass ich mich melden würde, sobald die Bilder fertig seien. 

Als ich im Auto saß, war ich einfach nur glücklich. Ich wusste, dass ich diesen unglaublich tollen Eltern einen großen Wunsch erfüllt habe, aber noch dankbarer war ich, dass ich erleben durfte, wie die beiden mit dem Verlust ihres Kindes umgehen.

Wie stolz sie auf ihr Kind sind, wie sehr sie es lieben.

Wie sehr sie sich lieben.

Ich fuhr nach Hause, und wurde von meinen Mann und meinen zwei Kindern erwartetet, alle drei sichtlich irritiert, dass ich so fröhlich und entspannt nach Hause kam. Aber nach und nach machte ich mir Gedanken, ob meine Reaktion normal sei? Warum war ich nicht traurig? Warum musste ich nicht weinen? Denn genau das hatte ich eigentlich erwartet. 

Am Dienstag wurde Klara beerdigt. Die Eltern schickten mir Bilder von ihrem Grab, welches sie liebevoll dekoriert haben, und berichteten von einer schönen Beerdigung. 

Einige Wochen später besuchten die zwei mich hier zu Hause, um sich noch einmal persönlich zu bedanken, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Ich bin so dankbar, dass mein erster Einsatz so wundervoll verlaufen ist, und weiss jetzt, dass ich auch weitere Einsätze meistern kann. 

Danke, dass ich ein Teil dieser so unglaublich wichtigen Organisation sein darf.